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Buchtipp: Der französische Garten

Der Winter ist für Gartenenthusiasten eine Zeit der Ruhe und Vorfreude, denn die Pläne sind gemacht, allein die Varietäten müssen noch bestellt oder erworben werden. Endlich kommt man zum Lesen. Vorzugsweise Gartenbücher. Sicher stehen die Gartenratgeber in der ersten Reihe, gefolgt von Biografien über Gärtnerinnen und Gärtner, Bildbände mit berühmten historischen Gärten etc. Wer das Gärtnern liebt, wird mir zustimmen. Dabei sind es keinesfalls nur die Bücher über Blumenzwiebeln, Dahlien, Rosensorten, Obstbäume oder Ziersträucher, die jetzt Erkenntnisse versprechen. Ein Blick in die Vergangenheit der Gartenkunst kann spannende Einsichten und unterhaltsame Erkenntnisse vermitteln. Eine philosophische Annäherung an den Garten vermag den Blick zu weiten und die Gedanken über die zukünftige Entwicklung des Gärtnerns auf anregende Weise befördern.

Längst ist Hans von Trothas Buch „Der Englische Garten. Eine Reise durch seine Geschichte“ zum Klassiker geworden. Sein neuestes Buch mit dem Titel „Der französische Garten. Rund um Paris“ beschäftigt sich mit dem als charakteristischen Gegensatz wahrgenommenen Pendant. Schließlich ist der englische Garten nicht ohne sein Gegenstück zu erfassen – und somit gesellt sich zum Klassiker nun die passende Ergänzung, die gartenphilosophisch einen Aspekt der Kulturgeschichte der europäischen Gartenkunst beleuchtet.

Der Autor, Publizist, Kurator und Berater von Kulturinstitutionen konzentriert sich in seiner Darstellung auf jene französischen Gärten, die in typischer Weise sowohl die Entwicklung wie die Vollendung einer unverwechselbaren Idee präsentieren. Sein Ausgangspunkt – nach einem Exkurs zur Theorie der Gartenkunst – ist jedoch keineswegs Versailles oder gar Vaux-le-Vicomte, sondern Paris, das der Autor unter dem Aspekt betrachtet und analysiert, „Gartenhauptstadt des 19. Jahrhunderts“ gewesen zu sein. Von Paris ausgehend beginnt seine gartenhistorische Reise in die Vergangenheit, die ihn ausgehend von der „Geometrie“ über „Natur und Wahrheit“ bis in „Romantische Wälder“ und letztlich bis ins 21. Jahrhundert und deren „Andere Räume“ sowie „Planetarisches Gärtnern“ führt.

Der weit gefasste gedankliche Bogen verbindet auf beeindruckende Weise Repräsentationskonzepte des 17. Jahrhunderts mit jenen Veränderungen durch Revolution, Industrialisierung, Urbanisierung, Weltkriege und einer „Rückbesinnung“ seit den 1980er Jahren, die sowohl Restaurierungen historischer Anlagen wie „das globale Phänomen eines urban gardening“ (S. 157) hervorbrachte. Fesselnd versteht es der Autor die historischen Entwicklungen exemplarisch an Anlagen wie Vaux-le-Vicomte, Chantilly, Le Désert de Retz, Ermenonville oder die „Romantischen Wälder“ von Compiègne, Barbizon und Giverny aus der Perspektive gesellschaftlich-sozialer, politischer wie ästhetischer Aspekte zu verknüpfen. Er konzentriert sich auf den Gedanken, wie Gärten den Zeitgeist spiegelten und demzufolge unter veränderten Bedingungen ihre Gestalt wechselten und selbst wenn sie verfielen, Ideen einer vergangenen Epoche bewahren konnten. Dieser analysierende Rückblick mündet in Überlegungen, wie unsere heutige Zeit Gärten entwirft, nutzt und betrachtet und wie die Zukunft der Gartenidee angesichts von Naturzerstörung und Ausbeutung jeglicher Ressource aussehen könne.

Es ist eine anregende Gartenreise ganz anderer Art zu der Hans von Trotha gärtnerisch ebenso wie historisch interessierte Menschen mitnimmt. Allein sein Ausgangs- und Endpunkt Paris überrascht im ersten Moment und erweist sich aus der gewählten Perspektive mehr als nachvollziehbar. Als ein Gartenbuch vermag dieser so geistvolle wie stillvoll gestaltete Band aus der Wagenbach-Reihe Salto auf 168 Seiten Einsichten und Erkenntnisse über die Beziehungen des Menschen zur Natur und ihrer Gestaltung in Form eines Gartens zu diskutieren, die letztlich auf die Selbstwahrnehmung des Individuums wie die der Gesellschaft fokussieren. Der Gedankenfluss reißt einen mit, sodass Sie diese Lektüre nicht mehr aus der Hand legen werden, bis die letzte Seite erreicht ist. Wie aktuell der “französische Garten” in der Tat ist, ist fanszinierend.

Hans von Trotha
Der französische Garten
Rund um Paris
SALTO [274]
168 Seiten. Rotes Leinen. Fadengeheftet. Mit vielen Abbildungen
Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-8031-1373-3

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