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Buchtipp: Gertrude Stein. Autobiografie von Alice B. Toklas

Der Erfolg hatte auf sich warten lassen, doch Gertrude Stein (1874 – 1946) verlor nie den Glauben an ihr Genie. Das sollte sich als richtig erweisen. Wenn auch viele bisher vielleicht kaum etwas von ihr gelesen haben, so ist sie allein durch die Zeile „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ unvergessen geblieben.

Die selbstbewusste Amerikanerin führte im frühen 20. Jahrhundert zusammen mit ihrem Bruder Leo viele Jahre lang einen Salon in der Rue de Fleurus 27 in Paris, der als die „beste Bildergalerie Europas“ galt und zum Treffpunkt der Avantgarde wurde. Hemingway, Janet Flanner, Marie Laurencin, Braque, Matisse und Picasso waren Gäste und Gesprächspartner einer Frau, die berühmt werden wollte. Später empfing die „Mutter und Muse der Avantgarde“ gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas (1877-1967) prominente Gäste, wobei Miss Toklas für Speisen und Getränke sorgte, während Gertrude Stein das Thema und den Ton der Gespräche bestimmte.

Trotzt all dieser Anerkennung und Bekanntheit erwies es sich als mühevoll, für ihre Texte Verleger und Publikum zu finden. Während Gertrude Stein in einem für viele ungewöhnlichen und schwer zu verstehenden Stil schrieb, ermutigte sie ihre Gefährtin, eine Autobiografie zu verfassen. Ideen für einen passenden Titel hatte sie bereits, etwa „Mein Leben unter Größen“ oder „Meine fünfundzwanzig Jahre bei Gertrude Stein“. Alice B. Toklas war bereits ihre Sekretärin, Gärtnerin, Köchin, Herausgeberin – und konnte sich nicht vorstellen, nun auch noch Autorin zu sein. So beschloss Gertrude Stein, selbst dieses Buch zu schreiben. Indem sie die Autobiografie ihrer Gefährtin niederschrieb, widmete sie sich selbstverständlich dem unbestrittenen Mittelpunkt ihres Lebens, nämlich sich selbst, der genialen Gertrude Stein. Alice B. Toklas spielte in diesem Buch genauso die Nebenrolle, wie sie sie im gemeinsamen Leben spielte, wenn auch nicht unterschätzt werden sollte, wie groß ihre Bedeutung für das Leben Gertrude Steins wirklich war.

Wenn sich Gertrude Stein stets weigerte den gefälligen Publikumsgeschmack zu bedienen, so schrieb sie dieses Buch ganz in der Weise, wie es zum Ausdruck und der Sprechweise ihrer Gefährtin passte: klar, einfach, verständlich (trotz diverser stilistischer Eigenheiten) und ohne stilistische Raffinesse. Geschrieben in sechs Wochen, nahm es ein amerikanischer Verleger sofort ins Programm und die erste Auflage vom 5400 Exemplaren war in kurzer Zeit ausverkauft, sodass es in den nächsten beiden Jahren bereits vier Neuauflagen gab. Schnell wurde es in mehrere Sprachen übersetzt und auch in anderen Ländern zum Bestseller. Gertrude Stein war glücklich und verdiente zum ersten Mal Geld mit ihrem Schreiben.

Auf einmal verstand das Publikum ihre Sprache und das Buch avancierte zum ersten großen Erfolg Gertrude Steins. Das Publikum war begeistert und lauschte mit Interesse der Heldin der Darstellung, der Entdeckerin Picassos, der Mentorin junger Schriftsteller, wie etwa Hemingways, der Förderin des Kubismus, der Begründerin der literarischen Moderne.

Nun, nicht alle, die es lasen, waren begeistert. Manch alter Freund fühlte sich nicht richtig oder sogar beleidigend dargestellt. Hemingway nannte es wütend ein „verdammt jämmerliches Buch“, Matisse fühlte sich durch die Darstellung seiner Frau angegriffen, und der Maler und Bildhauer Georges Braque war der Ansicht, Gertrude Stein hätte den Kubismus falsch verstanden. Gertrude Stein beschlich indes das Gefühl, für Geld geschrieben und sich selbst damit verraten zu haben. Ihre Identität geriet ins Wanken, wenn sie auch den Ruhm und die Aufmerksamkeit genoss.

Keine Frage also, dieses Buch sollte man selbst lesen, um nicht allein einen Eindruck von der Autorin, ihrer Beziehung zu ihrer Gefährtin zu gewinnen, sondern um diese Zeit des Aufbruchs, der Möglichkeiten, der Experimente und Wagnisse zu gewinnen. Insbesondere die Sprache Gertrude Steins wird durch diese behutsame Übersetzung gut fassbar und ermöglicht eine Annäherung an ihre ganz eigene Sicht der Dinge. Das Buch liest sich fabelhaft, denn es ist spannend, unterhaltsam, ironisch, zuweilen zwar verwirrend, aber auf jeden Fall ist es eine charmante, wenn auch manchmal über die Maßen selbstverliebte Darstellung einer Frau, die wusste, was sie wollte und auf raffiniert unkonventionelle Weise mit Selbstbild und Fremdbild zu spielen wusste.

Gertrude Stein. Autobiografie von Alice B. Toklas
Gertrude Stein
Aus dem Amerikanischen von Roseli und Saskia Bontjes van Beek
ISBN 978-3-86915-235-6
336 Seiten
Verlag Ebersbach & Simon

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