Kontakt | Impressum
 

Buchtipp: Die schönsten Cottage-Gärten Englands

Der Begriff Cottage Garten weckt so viele Bilder und Vorstellungen im Kopf. Zwei Wörter wirken nahezu wie ein Katalysator für Gartenbegeisterte, der Sehnsüchte wie Wolkenschafe am Himmel vorbeiziehen lässt. Es muss wohl so sein, dass wir Menschen, vor langer Zeit aus dem Paradies vertrieben, diese Sehnsüchte und Illusionen brauchen, um Hacke, Spaten und Harke immer wieder in die Hand zu nehmen, schmerzende Rücken und Knie ertragen, um letztlich erschöpft, aber beglückt so lange wie möglich im Garten tätig zu sein.

Der Cottage Garten war wie das dazugehörige Cottage einst ein Ort des mühsamen Lebens voller harter Arbeit und kleiner Freuden in überschaubaren Dörfern mit sozial dicht gesponnenen Verbindungen. Für mittellose Dorfbewohner und Tagelöhner war der Anbau von Gemüse und Obst überlebenswichtig, während die leuchtenden Blüten von Rosen und Geißblatt, Phlox und Rittersporn einen geschätzten und kostbaren Luxus bedeuteten. Als der technologische Fortschritt die Jahrhunderte lang gültigen Lebens- und Arbeitsbedingungen rasant veränderte, Menschen ihre Dörfer verließen, um in Fabriken zu arbeiten und in Städten voller Rauch und Kontraste zu wohnen, vermittelten Gemälde und Grafiken in illustrierten Journalen und Büchern romantisch-nostalgische Ideen von malerischen Cottages mit rosenumwachsenen Hauseingängen und von Stockrosen gesäumten Wegen.

Hatten Wohlhabende auf Cottages bis dahin als rustikale Wohnstätten mit Misstrauen als Horte von Unordnung und mangelnder Hygiene geblickt, avancierten jene für die Erfolgreichen inzwischen zu begehrenswerten Zielen für Wochenendaufenthalte im Kreise von Familie und Freunden auf dem Lande. Geschäftsleute und Advokaten, Herausgeber von Zeitungen und Inhaber von Kino- und Warenhausketten ließen ihre Träume vom Landleben in Bauten und Gärten der Arts-and-Crafts-Bewegung wahr werden. Dabei wurde der Garten zu einem Prestigeobjekt und zu einer Erweiterung des Hausinneren, der die Möglichkeit bot, Reichtum und Kunstgeschmack in der Mode der Zeit zu präsentieren.

Allmählich entwickelten sich Ideen von Cottage Gärten, die so vielgestaltig in Struktur und Gestaltung waren und sind, wie die Lebensgeschichten der Menschen, die sie erdachten und beackern. Altmodische Blumen werden bewahrt, neue Züchtungen aufgenommen und geprüft, Obst und Gemüse kann neben unerwarteten Ruheorten oder Skulpturen Platz finden. Fülle ist vielleicht ein Charakteristikum, also viele Stauden, flächenhafte Beete und Rabatten, selbstgebaute Rosenbögen und Trittsteine quer über die Wiese. Kein Garten gleicht dem anderen, keine Erzählung einer Gartengeschichte der anderen, was nur folgerichtig ist, denn kein Mensch gleicht dem anderen. Das macht diese Blicke über den Cottage Gartenzaun ja so interessant und unterstreicht, dass kein ein Gartenkonzept sich als so beliebt und vielfältig erwiesen hat, wie der Cottage Garten.

In dem gerade erschienenen Buch von Clare Foggett mit dem Titel „Die schönsten Cottage-Gärten Englands, übersetzt von Anke Albrecht, wird diese spannende Vielfalt dokumentiert. Die Autorin hat siebzehn Cottage Gärten in England besucht. Sie traf jene Männer und Frauen, die etwa alte, verwahrloste Grundstücke erwarben oder bereits existierende Gärten übernahmen, sie an eigene Möglichkeiten und Bedürfnisse anpassten oder sich bemühen, das Alte zu bewahren und behutsam in die Zukunft zu führen. Dabei präsentiert die Autorin eine ausgewogene Mischung zwischen bekannten Gärten wie Great Dixter und East Lambrook Manor sowie Gärten von Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen, die zuweilen auf verschlungenen Wegen zu ihren Cottage Gärten gefunden haben.

Die einfühlsamen Darstellungen dieser Begegnungen, die viel über das hektische Leben unserer Zeit aussagen und zugleich vermitteln, wie gut die Arbeit in der Gestaltung und Pflege eines Gartens auf Körper und Geist wirken, werden anschaulich durch die zahlreichen Fotografien von Jonathan Buckley. Seine Bilder laden ein, Wege und Pfade der Gärten zu erkunden, er nimmt Details in den Blick und wechselt immer wieder die Perspektiven. Nichts ist leichter, als sich in der Schönheit der Cottage Gärten zu verlieren – wobei es natürlich zwangläufig zu Inspirationen führt. Was natürlich heißt, Sie werden nach der Lektüre und Betrachtung der Fotografien durch ihren Garten, auf Ihre Terrasse oder den Balkon gehen und Potential für Veränderungen wahrnehmen. Also Vorsicht, der Gartenvirus wird unweigerlich überspringen!

Was sich nach der Lektüre zeigt, ist eine veränderte Wahrnehmung gegenüber der Bedeutung eines Gartens im Vergleich zur Vergangenheit und unserer Zeit. Da gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Notwendigkeiten und Möglichkeiten von Anbau und Pflege. Was sich aber als beständig erweist, ist die Bedeutung dessen, was es heißt im Garten zu arbeiten und ihn zu lieben. Es ist die Nähe zur Natur, zu den Mitgeschöpfen und diese innere Verbindung, die bei der Arbeit mit lebendigen Wesen entsteht. Es erdet uns, und es gibt uns Kraft. Das haben die Gespräche, die Clare Foggett mit den Menschen in ihren Gärten führte auf berührende Weise gezeigt.

Clare Foggett

Die schönsten Cottage-Gärten Englands
übersetzt von Anke Albrecht
Fotografien von Jonathan Buckley
256 Seiten
Gerstenberg Verlag
ISBN 978-3-8369-2221-0

Veröffentlicht unter Allgemein, Auf Reisen, Buchtipps, England | Hinterlasse einen Kommentar

Die Kommentare sind geschlossen.