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Seebad und Künstlerdorf: 125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop

 

Wer reist, ist wohl immer ein wenig auf der Suche nach dem Geist eines Ortes – dem Genius loci. Man muss kein Goethe sein, um Stimmungen, Geschichte oder Zukunft an einem Ort zu spüren. Wer reist, mag mit feurigen Worten von seinen Erlebnissen und Begegnungen berichten und vielleicht andere zum Reisen bewegen. Wer malt, vermag umso mehr die Sinne anzuregen und über seine Zeit hinaus, Momente festzuhalten, die zu Zeitreisen animieren.

Den Malerinnen und Malern, die sich seit dem späten 19. Jahrhundert im einstigen Fischerdorf Ahrenshoop niederließen, ist das auf berührende Weise gelungen. Sie suchten zwischen Ostsee und Bodden auf sandigen Wegen, an reetgedeckten Katen, in Landschaften voller weiter Himmel, glitzernder Meereswogen und in von Sonne und Wind gegerbten Gesichtern Junger und Alter nach Ursprünglichkeit im Kontrast zur modernen Welt der Großstädte und Fabriken. Indem sie hier malten, sollten sie das Dorf verändern und Anteil daran nehmen, es zu dem einzigartigen und faszinierenden Ostseebadeort von heute werden zu lassen. Ob sie sich dessen bewusst waren, bleibt unklar. Vergessen jedoch sind diese Anfänge nicht. In diesem Jahr erinnert die Ausstellung „Licht, Luft, Freiheit“ im Kunstmuseum Ahrenshoop daran und feiert 125 Jahre Künstlerkolonie Ahrenshoop.

 

Wer die Ausstellung verlässt, blickt verändert auf dieses Fleckchen Erde. Es sind nur wenige Schritte und schon steht man am Hohen Ufer, wo sich dem Auge ein unvergleichlicher Blick auf diese wandelbare Landschaft darbietet. Die Abbruchkanten verraten, wie kraftvoll das Meer hier wüten kann. Richtung Norden zeigt sich bei guter Sicht der Leuchtturm am Darßer Ort. Am Rand der Dünen stehen Windflüchter. Mächtige Bäume, hochaufragend, flüchtend vor dem Wind, wachsen abgewandt, doch harren aus im unaufhörlichen Wehen. In der sommerlichen Brise tanzen sie fröhlich. Silbergraue Blätter des Sanddorns beleben die dichten Hecken am Wegesrand. Sein tiefreichendes Wurzelnetz verankert den Strauch fest im sandigen Küstenboden. Zum Herbst hin leuchten seine orangefarbenen, prallen Früchte wie Schmuckstücke. Einheimische wie Gäste pflücken sie mühevoll von den dornenbesetzten Zweigen. Aus den vitaminhaltigen Früchten machen sie Saft, Likör oder Marmelade. Umfangreich ist das Sanddornsortiment in den Souvenirläden.

Im Sommer trifft man Malerinnen und Maler am Strand, zahlreiche Galerien laden zum ruhigen Betrachten und in den Cafés inspirieren Kunstwerke zu einer unkomplizierten Begegnung mit Malerei, Schmuck, Skulpturen oder Keramik. Immer wieder finden Konzerte, Lesungen und Ausstellungen statt, wie etwa in der Galerie des Keramikers Friedemann Löber und seiner Frau Renate Löber im Dornenhaus. Das idyllisch gelegene Rohrdachhaus ist mit seinen 350 Jahren das älteste Gebäude Ahrenshoops. In den 1950er Jahren entwickelten die Eltern des Künstlers, die Malerin Frida Löber und der Bildhauer und Keramiker Wilhelm Löber, sowie der Maler Arnold Klünder die freigeritzte Fischlandkeramik. Auf den blaugrauen Tassen, Vasen und Schalen sind Motive der Landschaft unverwechselbar eingefangen: Fische, Libellen, Kraniche, Windflüchter…

Beim Spaziergang durch den Ort lädt am Strandzugang Nr. 11 die Bunte Stube mit Büchern, Bernsteinschmuck, ausgefallenen Gewändern und Allerlei kunstvollen Kleinoden zum Schauen und Stöbern ein. Vorbei am Lukashaus, der berühmten einstigen Malschule, Wohnhäusern früherer Malergrößen und zeitgenössischer Künstler weist ein Wegweiser zur Schifferkirche. Die Ahrenshooper Kirche ist der erste sakrale Nachkriegsbau in Mecklenburg-Vorpommern. In Blickweite zum Bodden steht sie wenige Schritte entfernt vom Friedhof am Schifferberg. Wie ein Boot, umgestülpt und an den Strand gezogen, liegt sie da. Die Holzspanten treffen sich in der Kiellinie. Am 14. Oktober 1951 hielt Pfarrer Wilhelm Pleß, Initiator des Kirchenbaus, den ersten Gottesdienst und taufte den Sohn des Architekten Hardt-Waltherr Hämer auf den Namen Johann Sebastian. Der Innenraum ist wie ein Bootskörper: Licht fällt von Osten durch Nischen ein, von Westen durch eine von Holzstreben unterbrochene gläserne Wand. Aus dem Holz einer Pappel, die dem Bau weichen musste, fertigte die ansässige Holzbildhauerin Doris Oberländer-Seeberg einst die Schrift für die Altarwand, die Kanzel mit den Symbolen der vier Evangelisten und einen Taufständer. Kraftvoll heben die Arme dreier Kinder die Taufschale in die Höhe. Alle Namen der hier Getauften werden in das Holz eingraviert. Die Schiffsmodelle Glaube, Liebe, Hoffnung und Frieden tragen das stille Gedenken hinaus aufs Meer, zu den auf ewig Verschollenen. Der Ahrenshooper Kapitän Heinrich P. Voss baute und stiftete sie.

Wenn der herbstliche Abend herniedersinkt, wandeln einsame Gestalten am Strand entlang. Das Meer ist Dunkelblau bis Grau und über den Himmel ziehen tiefe Wolken, ab und an erfasst die Wanderer eine Böe. Stille. Erinnerungen. Sehnsüchte. Als wenn die Bilder der Ahrenshooper Künstler zum Leben erwachten und all die Geschichten der Fischer, Schiffer, Frauen und Kinder vom Küstenwind gesäuselt würden.

 

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