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Herbstliche Schlössertour durch Mecklenburg

Wenige Kilometer von der Ostseeküste führt die alte Landstraße durch das Dorf Hohen Luckow. Kopfsteinpflaster. Am Ortseingang sind die ersten früheren Tagelöhnerkaten zu sehen. Es folgt die Dorfkirche umgeben vom Friedhof, der seit Jahrhunderten existiert. Ganz in der Nähe rahmt eine Steinmauer das Hofgelände mit dem Schloss und den Wirtschaftsgebäuden ein. Herrschaft und Schloss befanden sich vom frühen 14. Jahrhundert bis 1810 in Händen der Familie von Bassewitz, einer bedeutenden Adelsfamilie Mecklenburgs. Das Schloss grüßt freundlich den Vorbeifahrenden. Dass das Gut landwirtschaftlich bewirtschaftet wird, zeigt die vielbefahrene Hofeinfahrt vor der sich die Erntefahrzeuge reihen. Zwischen abgeernteten Feldern und unzähligen Gehöften, die für mecklenburgische Verhältnisse recht weit voneinander entfernt liegen, schlängelt sich die Straße bis hin zur Stadt Bützow. Das Schloss der Schweriner Bischöfe und Herzog Ulrichs, der es als Administrator des Bistums vom Baumeister Franz Parr umgestalten ließ, wurde gerade renoviert. Sandsteinfarben ragt es zwischen gesichtslosen Neubauten und dem sorgfältig sanierten Krummen Haus hervor.

Wir überqueren mehrere Brücken über den Fluss Warnow, passieren den Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert, der einem Barockschloss gleich würdevoll an der Wegekreuzung thront, und verlassen erst beim Dorf Tarnow das Niederungsgebiet. Rechts und links wogen die Stoppelfelder der Moränen wie Wellen bergan. Güstrows Silhouette taucht am Horizont auf. Rechts außen zeigt sich das Schloss der Herzöge mit Türmchen und Schornsteinen, links daneben folgen der an eine Feste erinnernde Dom und in gebührendem Abstand die in die Höhe strebende Stadtpfarrkirche St. Marien. Herzog Ulrich von Mecklenburg beauftragte den Lombarden Franz Parr und den Niederländer Philipp Brandin mit dem Umbau der spätmittelalterlichen Burg. Aus den Quellen und Gemälden tritt uns Herzog Ulrich als ein junger, kunstsinniger, gebildeter Renaissancefürst entgegen: erzogen im katholischen Umfeld am Hof des bayerischen Herzogs Wilhelm IV., studierte er Rechte und Theologie an der Hohen Schule in Ingolstadt und arbeitete später im Geiste des Luthertums an einer neuen Kirchenordnung für Mecklenburg mit. Die Baumeister vollbringen eine umfassende Neugestaltung der Schlossanlage im zeitgenössisch modernen Stil der Renaissance, vereinen kongenial Elemente französischer, italienischer, niederländischer und deutscher Baukunst. Französisch betonte Außentürme und steile Dächer, verspielte Schornsteine, italienische Arkaden, niederländische Giebel und nach deutschem Muster asymmetrisch angelegte Erker verzaubern trotz der Verluste an Bausubstanz noch heute. Etwas Filigranes, südlich Leichtes strahlt dieser Bau aus! Zum Ausgang des 16. Jahrhunderts war der Güstrower Hof künstlerisch und kulturell auf der Höhe der Zeit und anderen mitteleuropäischen Höfen ebenbürtig.

Die Tour geht weiter in die Mecklenburgische Schweiz. Vorbei an der verträumten Landstadt Teterow mit dem umstrittenen Ruf als mecklenburgisches Schilda verläuft eine Hauptroute Richtung Süden nach Waren. Wald zeigt sich rechts der Straße. Zwischen den Bäumen wird eine Fahne sichtbar, lugt aus dem Wald der weiße Turm der Burg Schlitz. Eine Burg ist nur in romantischen Resten zu entdecken. Es findet sich ein Schloss, ein klassizistischer Traum in Weiß, verwirklicht von Hans Graf von Schlitz. Als preußischer Gesandter hatte er die Welt gesehen. Hier suchte er Ruhe. Der Name des alten Gasthauses „Zum goldenen Frieden“ erinnert daran. Wir spazieren die Lindenallee hinauf zum Schloss. Am Obelisken alle Sorgen zurücklassend, wie es Graf von Schlitz wünscht. Neben dem Haupthaus steht eine kleine, neogotische Kapelle. Im Auftrag des Grafen für seine Schwieger- und Adoptivmutter Caroline von Schlitz-Görtz geschaffen. Ein Kleinod. Der Weg führt weiter hinein in den Park, der allmählich in die bewaldete Landschaft übergeht. Drei Nymphen erscheinen. Lebensgroß umtanzen sie den Brunnen mit einer Schönheit und Fragilität, wie sie nur der Jugendstil oder die frühe Gotik hervorbrachten. Es ist ein Werk von Walter Schott, das er wahrscheinlich 1905 gestaltete. Die Tänzerinnen verzaubern den farbenfrohen Herbstwald. Seltsam zu denken, dass ein weiteres Exemplar im New Yorker Central Park steht.

Zurück zum Gasthaus. Weiter zum nächsten Schloss. Von der Hauptstraße biegen wir links ab auf einen Feldweg. Romantisch versteckt taucht Schloss Schorssow auf. Eine grüne Oase am See mit wechselvoller Geschichte. Einst im Besitz des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorp ging es über in den der Moltkes, der Hahns und vieler anderer. Wir gönnen uns kaum eine Pause, der Herbsttag ist kurz. Zurück auf die Landstraße und weiter auf der Deutschen Alleenstraße. Der Kirchturm der Backsteinkirche von Kirchgrubenhagen kommt in Sicht. Am Fuß des Kirchenhügels steht ein neogotischer weißer Torbogen. Links oben wacht ein steinerner Engel umkränzt von Efeu. Die niedrigen, schmiedeeisernen Torflügel sind reine Neogotik. Es könnte ein englisches Dorf sein. Auf dem Friedhof fanden zwei ihre letzte Ruhe, die Fontane unsterblich machte. Sein Roman „Unwiederbringlich“ spielt am dänischen Hof, hat seinen Ursprung jedoch in einer mecklenburgischen Liebestragödie. Die Straße führt bergan ins Dorf Vollrathsruhe, direkt auf das Schloss zu, das zwischen alten Wirtschaftgebäuden und Plattenbauten fast nicht zu erkennen ist. Da muss es sich zugetragen haben. Vor langer Zeit. Ein letzter Blick hinüber über die kraftvoll geschwungene Landschaft. Das war das letzte Schloss an diesem Tag. Zurück nach Hause, den Kamin anzünden und Fontane lesen!

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