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Buchtipp: Die Malerei ist weiblich

 

 

 

 

 

 

Schon ein Blick auf das offene Gesicht mit den großen, dunklen Augen, die einen vom Buchumschlag selbstbewusst entgegenschauen, weckt die Neugier. Wer war diese Frau im hellen Kleid mit grünem Schal, die Pinsel und Palette ganz unprätentiös in ihren Händen hält, als hätte sie ihre Arbeit für einen Augenblick unterbrochen. Es ist ein schönes, etwas rätselhaftes Porträt aus dem Jahre 1793, dessen Erwerb im Jahre 2016 durch das Staatliche Museum Schwerin den Anlass zu einer Kabinettausstellung gab, die das Oeuvre dieser kaum bekannten Malerin präsentiert.

Parallel dazu, ergänzend und den Blick auf Herkunft, soziale und künstlerische Bedingungen und Möglichkeiten ihrer Zeit erweiternd, widmet sich der 136 Seiten umfassende Katalog der Schöpferin dieses Kunstwerkes, der Malerin Friederike Juliane von Lisiewska (1769–1856). Sie war eine der wenigen Frauen im 18. Jahrhundert, die an der Berliner Kunstakademie studieren konnte.
Der Band ist dreigeteilt: Den ersten Teil bilden Beträge von Bärbel Kovalevski und Tobias Pfeifer-Helke, gefolgt vom Katalog mit Abbildungen von neun Gemälden und einem dritten Abschnitt, der den über Jahrzehnte hinweg geführten Briefwechsel der Malerin mit Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin, 48 Briefe und Vermerke umfassend, wiedergibt.

Die Berliner Kunsthistorikerin Bärbel Kovalevski, die sich seit Langem mit Künstlerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigt, stellt in vergleichender Perspektive Berliner Künstlerinnen dieser Epoche vor und ordnet vor diesem Hintergrund Leben und Werk der aus der berühmten Maler-Dynastie Lisiewski stammenden Friederike Juliane von Lisiewska ein. Eingehend betrachtet die Autorin die preußischen Verhältnisse und die Situation professioneller Künstlerinnen. Weiterführend erörtert sie die in der Aufklärungsphilosophie immer intensiver diskutierte Frage nach der Erziehung und Ausbildung der Frau. Anhand der Biografie von Friederike Juliane von Lisiewska wird umso deutlicher, wie schwierig es für die Künstlerin während des Epochenumbruchs war, sich nicht allein künstlerisch zu entwickeln, sondern für die Kunst zu leben und zugleich zu überleben. Schließlich werden erst im Vergleich mit anderen Künstlerinnen, wie etwa den erfolgreichen Malerinnen Anna Dorothea Therbusch und Anna Rosina de Gasc, den älteren Schwestern des Vaters von Friederike Juliane von Lisiewska, der politisch-gesellschaftliche Wandel wie die dramatischen, existentiell bedrohlichen Lebensumstände fassbar. Spannend ist es, in der Rekonstruktion dem Lebensweg Lisiewskas in Berlin und Mecklenburg anhand ihrer Gemälde zu folgen.

Der Schweriner Kurator Tobias Pfeifer-Helke beschäftigt sich insbesondere mit dem neu erworbenen Selbstporträt, das die 23-jährige Künstlerin von sich anfertigte. Als Kunsthistoriker analysiert er es aus der Perspektive der weiblichen Tradition der Malerei, indem er nach ihren Vorbildern, Kompositionen, Farben und Materialien fragt. Stück für Stück enträtselt er etwas von dem, was verloren ging und schafft damit die Basis, um auf die Suche nach den in Depots oder auf Dachböden schlummernden Werken der Künstlerin zu gehen.

Ausgewählte Abbildungen von Gemälden und Grafiken illustrieren die Beiträge und bilden eine interessante Folie, um die nachfolgend mit zusätzlichen Informationen versehenen Abdrucke der Gemälde der Künstlerin zu betrachten. Eine Ahnung von dem, wie mühsam und zermürbend es für Friederike Juliane von Lisiewska gewesen sein muss, ihrem Bedürfnis nach kreativer Gestaltung zu folgen, vermitteln die Briefe auf anrührende Weise. Angesichts der finanziellen Nöte, die ganz sicher eine Ursache der gesundheitlichen Probleme der Künstlerin waren, verwundert, vielmehr beeindruckt es zutiefst, dass Friederike Juliane von Lisiewska die Kraft fand, Werke zu schaffen, wie dieses von Neugier und Lebensenergie erfüllte Selbstporträt.

Passend zur Präsentationsform der Ausstellung erscheint der Katalog als Klappenbroschur in vergleichsweise kleinem Format. Layout und Gestaltung des Bandes sind so fein abgestimmt, dass es eine große Freude ist, dieses Bändchen zu lesen und die zahlreichen Abbildungen zu betrachten. Der grüne Schal der Malerin, der schon beim ersten Blick auf das Cover ins Auge fällt, führt die Leser motivisch durch das Buch. Wie Tobias Pfeifer-Helke ausführt (S. 55), präsentierte sich die junge Künstlerin in weißem Kleid mit grünem Tuch als weibliche Personifikation der Malerei – vergleichbar etwa mit einem Selbstporträt Angelika Kauffmanns von 1782. So bestimmt die Farbwahl dieses Accessoires ganz haptisch die Lektüre. Mit Spannung darf nun darauf gewartet werden, ob und wo es den Kunsthistorikern gelingen wird, weitere Gemälde der Künstlerin zu entdecken. Bisweilen können ausgewählte Kunstwerke von Friederike Juliane von Lisiewska und anderen Mitgliedern ihrer Familie noch bis zum 31. Dezember 2017 in der Galerie Alte & Neue Meister Schwerin besichtigt werden.

Die Malerei ist weiblich
Friederike Juliane von Lisiewska – Die Werke des Staatlichen Museums Schwerin
Katalog zur Ausstellung des Staatlichen Museums Schwerin / Ludwigslust / Güstrow in der Galerie Alte & Neue Meister Schwerin vom 21. September bis 31. Dezember 2017
Herausgegeben von Dirk Blübaum und Tobias Pfeifer-Helke für das Staatliche Museum Schwerin / Ludwigslust / Güstrow
Mit Beiträgen von Bärbel Kovalevski und Tobias Pfeifer-Helke
Deutscher Kunstverlag Berlin 2017

136 Seiten mit 53 farbigen und 3 schwarzweißen Abbildungen
16,6 x 24 cm, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-422-07451-4
Preis (inkl. MwSt, zzgl. Versandkosten): 19,90 € (D)

Herzlichen Dank an den Deutschen Kunstverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

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