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Buchtipp: Das Porträt als kulturelle Praxis

 

Das Porträt als kulturelle Praxis

 

 

 

 

 

 

Es ist eine alltägliche Erfahrung. Unsere Welt vermittelt sich dem Individuum durch Bilder. Wir konsumieren Bilder über Fernsehen, Zeitungen, Plakatwände, im Vorbeifahren wie im konzentrierten Blick. Zugleich produzieren wir mittels Kamera, Notebook, Tablet oder Mobiltelefon Bilder unserer Umwelt, beauftragen andere, unsere Erscheinung etwa im Passbild festzuhalten und damit gleichsam unsere Identität zu bestätigen, inszenieren uns sogar selbst vor Objekten. Die Liebe am Bild, vor allem am Porträt, scheint groß wie nie. Um davon überzeugt zu sein, genügt ein Blick auf Menschen vor Sehenswürdigkeiten oder auf attraktiven Plätzen. Schließlich erlaubt die Technik, die anscheinend ultimative Form der Selbstdarstellung mittels Selfie herzustellen. Im Bruchteil einer Sekunde kann ein solches Selbstporträt verschickt, betrachtet, gedeutet und beantwortet werden. Das Individuum kann über dieses Selbstbildnis, im wahrsten Sinne des Wortes, kommunizieren.

Dass dieses Verhalten eine weit zurückreichende Geschichte besitzt, auch wenn Material, Anfertigung und Konzeption sich zu heute grundlegend unterscheiden, beleuchtet der von Eva-Bettina Krems und Sigrid Ruby herausgegebene Band „Das Porträt als kulturelle Praxis“. Dabei erscheint dieser Tagungsband in der Reihe „Transformationen des Visuellen“ (Band 4) des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg.

Indem sich Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Phänomen des Bildnisses im Zeitraum vom 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert auseinandersetzen, erweist sich der institutionelle Rahmen und damit der Rückblick auf eine Zeit vor der Erfindung der Fotografie als überzeugend und logisch. So orientierten sich doch die frühen Fotografen nachweislich an der Malerei, insbesondere am Porträt, und nutzten – bedingt durch die langen Belichtungszeiten – die von den Zeitgenossen erlernten und verinnerlichten Formen der Präsentation. Allein um eine Vorgeschichte der Fotografie geht es den Forscherinnen und Forschern dieses Bandes nicht.

Die Autorinnen und Autoren befassen sich auf unterschiedlichen Ebenen, in verschiedenartigen Handlungszusammenhängen und sozialen Umgebungen mit der „Repräsentation von Personen im Bildnis“, um die kulturelle Praxis, in der diese Bildgattung in der Kommunikation zwischen den Menschen angewendet wurde, zu erforschen. Ausgegangen wird von der Überlegung, dass Bildnisse „als in komplexe Zusammenhänge eingebundene Vehikel kommunikativen Handelns“ (S. 8) verstanden werden, wie die Herausgeberinnen hervorheben.

Bemerkenswert, wie es hier gelingt, zu zeigen, welche große Vielfalt an Gegenständen und Bildpraktiken in der Frühen Neuzeit herrschte. Da begegnet der Betrachter dem Porträt nicht allein in seiner klassischen Form als Ölgemälde, sondern auf Knöpfen, Broschen, Münzen und Medaillen, auf Glasfenstern, Grabmalen, Flugblättern und in Stammbüchern. Die Informationen, die diese Bildträger transportierten, waren so vielfältig wie die Materialien auf denen sie sich befanden. Sie besaßen Wirkungsmacht und waren somit nicht allein erschaffen, um einen Moment des Seins festzuhalten oder zu reflektieren, sondern um aktiv auf die Deutung gesellschaftlicher Zustände einzuwirken.

Basierend auf der in Marburg 2011 gehaltenen Tagung „Das Porträt. Mobilisierung und Verdichtung“ konzentrieren sich die Beiträge auf bestimmte Themenschwerpunkte, die die Porträtkultur etwa im dynastischen und sakralen Bereich, in der Frage nach Wirklichkeitsbezug und Idealisierung, Beweggründen und Wandlungen sowie dem Ansammeln und Ordnen positionieren. Indem die Beiträge sehr speziell und oft ausgesprochen detailliert auf Einzelbeispiele eingehen, wird ein analytischer Zugang zum Thema gewährt, der erkenntnisreich und überaus spannend zu lesen ist. Verwiesen sei an dieser Stelle auf vier Beiträge.
Dagmar Eichberger etwa kann überzeugend präsentieren, wie Margarete von Österreich, Regentin der Burgundischen Niederlande, als eine der ersten Frauen der Frühen Neuzeit einen von ihr selbst stilisierten Porträttypus anfertigen und gezielt zur Darstellung der eigenen und familiären Interessen einsetzen ließ. Ihr offizielles Amtsporträt zeichnete sich durch einen hohen Wiedererkennungswert aus, kennzeichnete sie als wichtiges Mitglied des Hauses Habsburg-Burgund und als eine „würdige Witwe im niederländischen Gewand“ (S. 114). Das gelang keiner der anderen zeitgenössischen Witwen, wie Margarete von York, Luise von Savoyen oder Isabella d‘Este.
Ruth Hansmann analysiert die Arbeitsschritte bei der Anfertigung des Sächsischen Stammbuches aus der Cranach-Werkstatt und dokumentiert anschaulich, wie die Porträtkunst in den Dienst der einsetzenden reformatorischen Bewegung gestellt worden ist. Welche Wirkungen die Bildnisminiatur als körpernahes Objekt entfalten konnte, exemplifiziert Marianne Koos im Umfeld Königin Elisabeths I. von England. Demgegenüber beschäftigt sich Ewald Jeutter mit Verbrecherbildnissen von der Frühen Neuzeit bis zur Zeit um 1850. Vor dem Hintergrund einer marktorientierten, die Sensationsgier eines potentiellen Kundens bedienenden und am Glauben der Zeichenhaftigkeit des Bösen in der menschlichen Physiognomie orientierten Darstellung wird so deren stilistische Entwicklung verständlich.

Zugegebener Maßen ist die methodische Annäherung komplex und erfordert Konzentration auf die eng gesteckten Bewegungsräume der Betrachtung, die in einer Reihe von Schwarz-Weiß-Abbildungen und einer ausgesuchten Anzahl von Farbtafeln der Leserschaft auch vor Augen geführt werden. Aber gerade das befördert den Erkenntnisgewinn und schärft das Interesse, in der zukünftigen Begegnung mit dem Porträt, sei es in einer Ausstellung oder in Betrachtung einer über das Mobiltelefon gesendeten visuellen Nachricht, nach Beweggründen, kulturellen Verbindungen und beabsichtigten Reaktionen zu fragen.

 

Das Porträt als kulturelle Praxis, hrsg. von Eva-Bettina Krems und Sigrid Ruby, Deutscher Kunstverlag Berlin und München 2016. (=Transformationen des Visuellen, Band 4, hrsg. vom Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg) 344 Seiten mit 16 farbigen und 155 schwarzweißen Abbildungen.

 

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