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24 Stunden in München

 

Der erste Weg vom Bahnhof führt diesmal nicht über den Stachus Richtung Marienplatz und gar bis zum Siegestor. Es geht links über die Luisenstraße, durch die Propyläen, vorbei an Antikensammlung und Glyptothek zur Neuen Pinakothek.

Van Goghs Sonnenblumen, Overbecks Italia und Germania und die ausdrucksstarken Körper Rodins führen zurück ins 19. Jahrhundert. Die Säle sind recht voll. Am Sonntag kostet der Eintritt nur einen Euro. Viele junge Leute sind zu sehen, alleine oder in kleinen Gruppen. Drei ältere Italiener scharen sich um einen bedächtig dozierenden Landsmann. Er ist etwas größer als seine Zuhörer und hat die grauen schulterlangen Locken zu einem Zopf zusammengebunden. Das muss ein Kunstprofessor sein, denke ich und beobachte wie er vorsichtig mit der rechten Hand Linien auf dem einen oder anderen Bild andeutet. Sie interessieren sich nicht für jedes Bild. Nach einer Weile verliere ich sie aus den Augen. Im oberen Stockwerk widmet sich eine temporäre Ausstellung der Geschichte einiger Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ ausgestellt wurden. Sie galten als verschollen und konnten 2010 bei Bauarbeiten unmittelbar vor dem Roten Rathaus in Berlin wiederentdeckt werden. Die aus Keramik oder Metall gefertigten Arbeiten sind stark zerstört und oft nur fragmentarisch erhalten. Noch bis zum 28.01.2013 sind sie hier zu sehen. Im Untergeschoss sammeln sich Kinder und ihre Eltern um eine Märchenerzählerin. Vor der Kulisse von überbordenden und kunstvoll gerahmten Bildern aus dem 19. Jahrhundert, die Märchen und Mythen dramatisch präsentieren, berichtet sie gestenreich von mutigen Taten, gefährlichen Wäldern und liebreizenden Prinzessinnen. Die Ausstellung „M wie Mythen, Märchen, …“ ist noch bis zum 6.01.2013 zu sehen.

Die Säle leeren sich, es wird Zeit zu gehen. Von München ist im Nieselregen und der spätherbstlich früh hereinfallenden Dunkelheit nicht viel zu erkennen. Montag früh um 10.00 Uhr öffnen wieder die Türen der Neuen Pinakothek, so dass ich den Rundgang vollenden kann. Die meisten anderen Museen haben heute geschlossen. Dann geht’s ins Großstadtgetümmel. Vom Stachus über die Neuhauser und die Kaufingerstraße, ein Besuch der Frauenkirche und weiter auf den Marienplatz. Hier wird mit großem Maschineneinsatz der weihnachtliche Schmuck an der Fassade des Rathauses befestigt.

Vom Markt rechts gehe ich hinüber zu St. Peter. Eine Gruppe japanischer Touristen steht an, um Eintrittskarten für den Aufstieg auf die Plattform des 96 Meter hohen Wahrzeichens zu kaufen. Ein paar Schritte noch und der Viktualienmarkt ist erreicht. Liebevoll sortiert und farbenfroh arrangiert sind all die Früchte, Sträuße, Köstlichkeiten. Doch nur wenige Menschen flanieren über den Markt. Die Bänke sind leer und an den Bäumen hängen die letzten bunten Blätter. Die steinernen Marktfrauen auf den Brunnen lassen sich nichts anmerken.

Es wird Zeit für einen Kaffee. Noch gibt es Stehtische – mit Klappkarten, die den Genuss von Glühwein empfehlen. An der hinteren Häuserzeile entdecke ich „Kaffee und Mehr. Am Viktualienmarkt“.

Die Sitzgarnituren davor sind genauso verwaist wie die Stehtische auf dem Markt. Beim Öffnen der Tür steigt mir aromatischer Kaffeeduft in die Nase. Links im Gastraum ist jeder Tisch besetzt. Ältere Herren lesen Zeitung und an zwei Tischen sitzen junge Mütter mit mehreren Kindern. Was machen die heute Vormittag alle hier? Rechts vom Eingang, kurz vor der Theke ist ein langbeiniger Tisch samt Hocker frei. Der gehört mir. Wunderbar. Ich bestelle einen Cappuccino und bin mit den beiden jungen Damen hinter dem Ausschank im Handumdrehen in einem Gespräch über Prominentenfotos in der neuesten Tageszeitung. Die Hälfte der abgebildeten Personen habe ich noch nie gesehen. Wer soll das sein? Fasziniert bin ich von diesem ausgezeichneten Kaffee. Ein Glückstreffer. Hinter mir im Hängeschrank stehen unterschiedliche Kaffeesorten in verschiedenen Packungsgrößen zum Verkauf bereit. Ich lese: würzig, mild, entkoffeiniert und entscheide mich für 250 g Brasil Santos und 250 g Viktualienmarkt Kaffee – natürlich in ganzen Bohnen. In Gedanken sehe ich mich schon beim mahlen und freue mich.

Kann es einen Ausflugstag nach München ohne Weißwürste und Bier geben? Da es mit oder ohne ein Klischee wäre, entscheide ich mich für mit und schlendere in Richtung zur Straße Im Tal. Ein Blick auf die Uhr: es ist zehn Minuten vor zwölf. Ich muss mich beeilen. Im „Weissen Bräuhaus“ servieren sie traditionsgemäß die Weißwurst bis zwölf Uhr Glockenschlag. Also rein, unten ist viel los, die Treppe hoch, umschauen. Alle Tische sind besetzt. Ein Herr winkt mich freundlich heran, ich setze mich zu ihm und seiner Frau. Es stellt sich heraus, er kommt aus Niederösterreich, sie ist waschechte Münchnerin. Sie bestätigen mir, dass das ein Gasthaus ist, in das Münchner ebenso gerne einkehren wie Reisende. Das 1872 von Georg Schneider begründete „Bräuhaus“ ist für seine wohlschmeckenden, in obergäriger Brauweise hergestellten Biere bekannt. Ich schaffe es, meine Bestellung vor zwölf abzugeben und habe Punkt zwölf Weißwurst und ein Glas „Schneider Weisse“, eine Weissbierspezialität des Hauses, auf dem Tisch. Wir kommen ins Plaudern über Gott und die Welt, München im allgemeinen und speziellen. Wieder ein Blick auf die Uhr und ich erschrecke: mein Zug. Hastig verabschiede ich mich, laufe los und …

P.S. Das war knapp! In der letzten Minute vor Abfahrt des Zuges bin ich eingestiegen. Gut, dass ich die Fahrkarte schon gestern gekauft hatte. Eigentlich schade, ich wäre gerne länger geblieben.

Veröffentlicht unter Allgemein, Auf Reisen | 4 Kommentare

4 Antworten zu “24 Stunden in München”

  1. Editha Weber sagt:

    Thanks a lot! Next I will publish about “Christkindlmarkt in München”. Hope you will enjoy it!

  2. Luise Pagel sagt:

    München ist zu allen Jahreszeiten eine wunderschöne Stadt. Das Kaffee am Viktualienmarkt ist ein toller Tipp. Das kannte ich noch nicht.

  3. Editha Weber sagt:

    Das lese ich gerne. München wird in den nächsten Tagen durch den Lichterschmuck noch schöner. Viel Spaß bei einer Fahrt in die Stadt!

  4. Johanna sagt:

    Super! In München war ich lange nicht. Jetzt habe ich richtig Lust auf ein Wochenende in München. Danke für den Reisetipp.

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