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Buchtipp: Gärten an den italienischen Seen

 

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Italien – Verheißung klassischer Schönheit unter südlicher Sonne, drapiert vor traumhaften Landschaften mit bergigen Höhen und azurblauen Wassern. Goethes Verse vom „Land, wo die Zitronen blühen“ klingen wie selbstverständlich im Ohr. Wer wollte da nicht umgehend zu einer Reise in den Süden aufbrechen? Etwa um in den herrlichen Gärten am Comer See und am Lago Maggiore im Norden des Landes zu wandeln, ihren Zauber zu genießen – ganz wie einst ihre Besitzer aus altem Stand oder neuem Geldadel sowie deren mondäne Gäste.

An der Seite von Steven Desmond wird dieser Spaziergang zu einem großen Vergnügen. Er erzählt charmant und klug, lebendig und stets kurzweilig von all der Pracht und deren gartenkünstlerischen Grundlagen, von noblen Herren und edlen Damen, von märchenhaften Familiengründungen und stillen Rückzugsorten. Hier schreibt ein Kenner, touristische Übertreibungen meidend, mit einer tiefen Zuneigung zum Schönen und dem Wunsch, andere an dieser Empfindung teilhaben zu lassen. Zugleich bleibt sein Blick kritisch, gebildet durch eigene Anschauungen und Erfahrungen. Diese große Sachkenntnis des Autors hat ihre Grundlagen in Theorie und Praxis, da Steven Desmond Landschafts- und Gartendenkmalpflege studierte, den National Trust bei der Erhaltung historischer Park- und Gartenanlagen berät, Vorträge hält, für das Magazin Country Life schrieb und seit Jahren spezialisierte Gartenreisen durchführt, die ihn bereits über dreißig Mal an die italienischen Seen führten. Dass seine sprachliche Leichtigkeit auch die deutschsprachigen Leser unterhalten kann, ist der stilsicheren Übersetzung durch Anke Albrecht zu verdanken.

In harmonischer Ergänzung zum Text können die Leser durch die zahlreichen großformatigen, oft zwei Seiten umfassenden Fotografien umso intensiver die Stimmung der Gärten erfahren, umso weiter sie blättern, mit der Fähre hinübersetzen, von Insel zu Insel, von Villa zu Villa, von Garten zu Garten reisen. Sommerlicher Glanz mit weißen Haufenwolken, im Dunst liegende bewaldete Berghänge oder im milchig-grauen Schleier mit einer Ahnung von herbstlicher Melancholie – das alles fängt Marianne Majerus ein. Sie zählt zu den besten Gartenfotografinnen der Welt, deren Bilder regelmäßig in englischen und internationalen Zeitschriften wie House & Garden, Gardens Illustrated, Country Life und The English Garden erscheinen. In mehr als 200 Büchern sind ihre Fotos zu sehen. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt.

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Schon mit dem Cover zieht sie den Leser in ihren Bann: Sie stehen auf dem Balkon der Villa Carlotta. Zu Ihren Füssen ein Brunnen, eingerahmt durch kunstvoll geschnittene Hecken und ein filigranes, schmiedeeisernes Tor, dahinter öffnet sich der Blick auf den Comer See mit bewaldeter, bergiger Landschaft im Hintergrund, am Ufersaum, leicht ansteigend von Häusern durchzogen. Zauberhaft, klar und verführerisch zugleich. Marianne Majerus‘ Fotografien werden durch historische Drucke, alte Postkarten und Fotografien ergänzt.

Bevor Steven Desmond sich im ersten Teil neun Gartenanlagen am Lago Maggiore und im zweiten Teil acht Gärten am Comer See zuwendet, schafft er einen Rahmen mit einleitenden Bemerkungen zur Geografie, Geschichte und praktischen Hinweisen. Etwa mit der Bemerkung, dass der meiste Regen in diesen Regionen in den Sommermonaten fällt, was seine Reiseempfehlung nicht einschränkt: „Sie werden wahrscheinlich wunderbares Wetter haben, – nehmen Sie trotzdem Ihre Regenjacken mit.“ (S. 9.). Auf den letzten Blättern des 224 Seiten umfassenden Buches folgen Kurzinformationen zu jedem der beschriebenen Gärten mit Adresse, Öffnungszeiten und Webseite sowie zwei Übersichtskarten, die eine sehr gute Orientierung bieten, dann ein Register und weiterführende Literaturhinweise.

Seine Auswahl von auf Inseln, Halbinseln oder in Ufernähe gelegenen Gärten, Parks und Villen ist so vielfältig wie spannend, denn er offeriert dem lesehungrigen Gärtner ebenso wie dem von Italiensehnsucht erfühlten Kulturpilger berühmte Schönheiten, wie die Borromäischen Inseln – und anempfiehlt dem von der Opulenz der Isola Bella überwältigten Betrachter unbedingt auch die Isola Madre zu besuchen – gleichwohl wie weniger vom Publikum beachtete Paradiese. So streift der Leser durch einen informellen Waldgarten und einen Berggarten, bewundert den verfallenden Gartentraum zweier Liebender, lernt hier und da etwas Neues über Bäume, Hecken und Pflanzen, verweilt auf Terrassen, Balkonen und vor Grotten, um amüsanten Erzählungen aus der Zeit der Belle Époque zu lauschen, und genießt immer wieder Ansichten, Aussichten und erhält Einblicke.
Desmond schwärmt geradezu von der zwischen dem Lago Maggiore und dem Comer See, nördlich von Varese gelegenen Villa Cicogna Mozzoni, da man in „Italien nur selten ein Landgut in Privatbesitz, dessen Villa und Garten noch genauso aussehen wie auf einer einhundert Jahre alten Fotografie…“ (S. 95) finden könnte. Bezaubernd sei hier nicht allein die aus der Mitte des 16. Jahrhunderts erhaltene Gestaltungsidee. Wie im Märchen ist dieser malerische Ort mit der Geschichte einer jungen Angestellten eines Reiseunternehmens verbunden, die romantischer kaum sein könnte.

Es sind wirklich außergewöhnliche Gärten, deren Atmosphäre Steven Desmond einfängt und vermittelt, wenn er davon erzählt, wie und von wem sie gestaltet wurden, wer sie besuchte und über sie schrieb, wen sie zu literarischen oder musikalischen Werken inspirierten. Kurzum, die Rezensentin ist als Gärtnerin wie Kulturreisende hingerissen und verspürt ganz eindeutig den Wunsch, sofort aufzubrechen, um diese grünen Kunstwerke und gelebten Träume mit eigenen Augen zu sehen und dort zu spazieren. Da Steven Desmond nicht nur in italienischen Gärten unterwegs ist, sondern Interessierte auch durch die großen französischen Gärten führt, besteht vielleicht die berechtigte Hoffnung, es möge möglichst bald eine Fortsetzung geben.

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Steven Desmond
Anke Albrecht (Übers.)
Marianne Majerus (Fotos)
Gärten an den italienischen Seen
224 Seiten, 25,5 x 30,5 cm
ISBN 978-3-8369-2112-1
EUR (D) 39.95 | EUR (A) 41.10 | SFr 48.70

Herzlichen Dank an den Gerstenberg Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

 

 

 

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