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Buchtipp: Die Philosophie des Gärtnerns

 

 

 

 

 

 

 

Gewiss, wenn der Philosoph Dieter Wandscheider im vorliegenden Buch pointiert formuliert (S. 111), dass in Fragen der Philosophie – welche Kant zufolge jene Menschheitsfragen sind: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? – die Frage „Was ist ein Garten?“ nicht hinzugezählt werden mag, ist dem nur zuzustimmen. Trotzdem oder gerade deshalb beschäftigt sie uns Menschen seit Langem, ob als Besitzer, Nutzer oder schlicht Betrachter von Gärten. Diese Frage ist in der Tat alles andere als belanglos. Umso intensiver Leserinnen und Leser, ob philosophierende Gärtner oder gärtnernde Philosophen, sich in die Beiträge des von Blanka Stolz (Mitgründerin des mairisch Verlags mit Arbeitserfahrung auf einem Schweizer Bergbauernhof) herausgegebenen Bandes „Die Philosophie des Gärtnerns“ vertiefen, werden sie – vielleicht erstaunt, manchmal zustimmend, manchmal ablehnend oder verwundert – die philosophische Dimension des Gärtnerns entdecken oder wiederentdecken und – so sie wünschen – geistvolle Früchte ernten.

Die Autorinnen und Autoren des Buches beleuchten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven ihren selbst gewählten Gegenstand „Garten“ und gelangen, entsprechend ihrer Berufe, persönlichen Neigungen und philosophisch-ästhetischen Prägungen, zu vielschichtigen und tiefgründigen Gedankenführungen. Dass die hier Schreibenden Agrarwissenschaftler und Schrebergärtner, Architekten und Permakultur-Designer, Journalisten und Gartenaktivisten sind, entwickelt in der philosophischen Betrachtung der Gartenarbeit Seite für Seite oder besser Garten für Garten ein Mosaik unseres Lebens in seiner historischen, soziologischen und – wenn wieder einmal von Samen, Unkräutern, Beikräutern oder Jäten die Rede ist – alltäglichen Dimension mit schmutzigen Händen und schmerzendem Rücken.

Diese „Weltbeziehung“, Sarah Thelen folgend, versetzt Gärtnerin und Gärtner aus ihrer beschaulichen Paradies-Einsamkeit des Rückzugs aus der Welt wieder zurück in jene, aus der sie entfliehen wollten. Denn die banalen Fragen nach dem Anlegen von Zäunen, Hecken, die Wahl des Saatgutes, der Umgang mit Wildkräutern, allein schon die Bezeichnung dieser meist ungeliebten, schnell wachsenden und als Konkurrenten zu Gemüse und Blumen wahrgenommenen Pflanzen, gibt Auskunft über die Position des Protagonisten mit Hacke und Spaten im eingehegten Refugium. Bei diesem genauen, dicht und verständlich beschriebenen Blick über den Gartenzaun bleibt nichts übrig vom zeitschriftenbunten Idyll auf dem Lande. Der zeitgenössische Garten wird genau in der Position wahrgenommen und betrachtet, wo er sich schon immer befand: im gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen, kulturellen und ästhetischen Komplex des Seins – mit oder gegen die Welt. Indem der Journalist Maximilian Probst das Sinnbild des Gartens für alles Gute und Schöne durch seinen „Zum grünen Daumen gehört die Faust“ betitelten Beitrag stilvoll analysiert und zerlegt, fasst er die Vielschichtigkeit und Ambivalenz des ganzen Bandes gekonnt zusammen.

Dass dieser Band philosophierende Gärtner, gärtnernde Philosophen, aber auch über den Gartenzaun blickende Spaziergänger zum Nachdenken anregt und auf leichtfüßige Art große Themen näherbringt, hat bereits die Jury des Deutschen Gartenbuchpreises 2017 überzeugt. In der Kategorie „Beste Gartenbuchprosa“ wurde der Band „Die Philosophie des Gärtnerns“ mit dem ersten Platz des Deutschen Gartenbuchpreises 2017 geehrt.

Last but not least: Die Gestaltung des Bandes ist fabelhaft. Das Hardcover präsentiert sich in leuchtenden Neonfarben und mit grünem Lesebändchen, was das Lesevergnügen für alle Bücherliebhaber gewiss vergrößert.

 

Blanka Stolz – “Die Philosophie des Gärtnerns”
ISBN 978-3-938539-43-9
18,90 €

Mit Beiträgen von
Brunhilde Bross-Burkhardt (Agrarwissenschaftlerin und Fachjournalistin)
Severin Halder (Gartenaktivist)
Judith Henning (Permakultur-Designerin)
Annette Holländer (Samengärtnerin und Naturpädagogin)
Miriam Paulsen (Schrebergärtnerin)
Dagmar Pelger (Architektin)
Maximilian Probst (Clemens-Brentano-Preisträger, Autor für ZEIT und taz)
Roberta Schneider (Autorin)
Sarah Thelen (Autorin)
Kristina Vagt (Historikerin)
Nicole von Horst (Internetaktivistin)
Elke von Radziewsky (Autorin)
Dieter Wandschneider (Professor für Philosophie)

Ausstattung
Hardcover mit Neonfarben
Zweifarbiger Innenteil
Titelprägung
224 Seiten
dunkelgrünes Lesebändchen
Herzlichen Dank an den mairisch Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

 

 

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